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B A B Y L O N
vernisage



23 märz 1994


eröffnungsansprache von maja haderlap

konzert bernhard tragut
/ruki-zuki palmen kongo/


maja haderlap und felix orsini-rosenberg

Man denke sich Babel als eine glückliche Stadt;
Und das nicht nur wegen der verwegen angelegten babylonischen Gärten, in denen lustgewandelt wurde. Die Sprachverwirrung der fremden Sklaven, die den Himmelsberg (den babylonischen) Turm) errichtet haben sollten, die Vielfalt ihrer Kommunikationsformen, die geräuschvolle fremde Musik kündigte schon damals den Sturz des absoluten Gottes an, den Untergang der Herrschaft einer einzigen wahren, dogmatischen Größe. Veränderung aber ging auch damals einher mit Zerstörung. Gipfelterassen, Liebeshaine und astronomische Beobachtungsstätten zerfielen unter der Hand der Eroberer. Die Eroberung von Babylon entfesselte ein entsetzliches Blutbad. Leichen versperrten die Straßen, alle Häuser wurden bis auf den Grund zerstört. Saherib ließ den babylonischen Turm einreißen und lenkte Wasserfluten in die Stadt, damit sie getilgt werde.
Das ist nur ein Denk – und Sinnbild unserer Kulturgeschichte, ein Alptraum, aus dem wir meinen, immer erwachen zu müssen. Eine mythische Urszene, die uns verfolgt und beflügelt. Wir meinen heute alle kruden Schauplätze unserer Zivilisation verlasen zu können und doch nehmen wir wieder teil an der totalen Mobilmachung, wissend und verzagend, vielleicht aber auch flüchtend.
Ich weiß nicht, ob wir glaubwürdig behaupten können, daß wir uns alle auf der Flucht befinden. Aber wir können mit Gewißheit sagen, daß die Kunst, neue Orte, vielleicht Welten, erdichtet und nach neuen Topographien sucht. Alles soll nämlich zerreißen, zerrissen werden, nur nicht die Leinwand, schreibt Hans Magnus Enzensberger. Alles ist somit nur Schauplatz einer nicht mehr denk – und lenkbaren Geschichte und wir auf der Flucht ins Archiv des kulturellen Gedächtnisses, das Hier und Jetzt eine inszenierte Standortbestimmung. Kunst heute als Stimulans des Lebens, als Sonde der Wirklichkeitserforschung, als ästhetisierte Lebenswelt.
Der Schauort dieser Ausstellung, das Schloß Damtschach mit seinem Lustgarten und seinen Wirschaftsgebäuden, wirkt auch zu dieser noch kühlen Zeit wie verwunschen. Ein Ort der Stille, auch wenn die globale Geräuschkuppel darüberhängt und zu vernehmen ist. Dieser Ort lädt ein zum Einhalten, für Augenblicke scheint es, als ob er belebte Kulisse wäre, eine Inszenierung aus Zeit, Traum, Verfall und Leben. Eine pittoreske Insel, mit einem Garten, der nicht vordergründig artifiziell gestaltet ist und geradezu zu einer Ausstellung, über die Sehnsucht der urbanen Kultur nach der Natur einlädt. Was aber wollen wir mit reproduzierbarer Kunst in einer reproduzierbaren Natur, in einer Zeit, in der die Natur zum größten Abfallprodukt unserer Zivilisation zu verkommen scheint ? Soll etwas, was vorher getrennt war, wieder zueinanderfinden, gab es diese Trennung überhaupt ? Will man heute diese Landschaft, die mit der zunehmenden Industrialisierung in einen Raum verwandelt wurde, der durch eine Optik von Ideen, Werten und Normen eingenommen und eingekreist werden konnte, wieder der Natur zurückführen ? Franz Kafka verbildlicht diese Sicht mit dem Satz: Die Landschaft stört mich in meinem Denken. Sie ist schön und will deshalb betrachtet sein. Ist nicht mittlerweile das Artifizielle die eigentliche Natur, in deren Wildnis wir uns zurechtfinden müssen.
Wonach sehnen wir uns ?
Die Arbeiten, die hier ausgestellt werden, sind meditative Befragungen des symbolischen Prozesse und Systeme in denen wir leben. Es werden Aporien unserer Beziehung zur Natur thematisiert, die Traditionen der Landschaftsmalerei, die Köperlichkeit und Sinnlichkeit des Materials, Zeichen und Abstraktionen, das imaginäre Arkadien, die Ästhetik des Abfallproduktes, innere und äußere Natur, die Leiblichkeit des Körpers und des Materials. Die Arbeiten sind in Räumen aufzufinden und zu finden, die ihrer eigentlichen Funktionen enthobenen Freiräume für neue Sinnzusammenhänge bieten. Das gilt auch für die Landschaft.
Alles ist fremd und vertraut, alles ist Raum und Erscheinung, Sinnzuordnungen sind aufgelöst und ihrer Funktion enthoben, alles ist heterogenes Spiel, und die Sprachen des Babylon befreit, durchdrungen und aufgelöst. Vielleicht wird sie spürbar, die Sehnsucht nach dem höchst individuellen dritten Ort, nach einem Augenblick des Seins. Die Arbeiten berichten davon, dort gewesen zu sein und ein Zeichen hinterlassen zu haben.
Die Ausstellung ist somit eröffnet, muß aber erst ergangen werden.

Maja Haderlap zur Eröffnung der Ausstellung Babylon
Damtschach 12.3 .1994

maja haderlap im damtschacher schlosshof




bernhard tragut


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