Projekt week-end

    thematisiert nicht die Idee: Feiertag, Freizeit, sondern die Idee der "Zeit der Freiheit", wie auch in Godard's Film. Die "Zeit der Freiheit" gibt sich der Mensch selbst, um seine "echten" Wünsche zu erfüllen, seine intimen Träume, absoluter Genuß.
    Die "Zeit der Freiheit" kann folgendermaßen thematisiert werden: Als Zeit menschlicher Solidarität, als Zeit eines individuellen Aufstandes. Das ist so ein "week-end", wenn das Individuum bemüht ist zu begreifen, was es wirklich will, und was von der Gesellschaft diktiert wird. Es versteht sich von selbst, daß die "Zeit der Freiheit" sowohl Tragödien, wie auch Komödien produzieren kann, da sogar in der utopischen Zeit eines "week-end" jeder mit den Anderen verbunden bleibt, durch die reale Zeit und den realen Raum, durch seine vergangenen sozialen, ethischen, ökonomischen Beziehungen.
    In diesem Punkt treffen sich verschiedene Wünsche, was ein Chaos erzeugen kann, oder auch eine unbekannte neue Ordnung. All diese Möglichkeiten der "Zeit der Freiheit" - week-end- versucht dieses Projekt zu erforschen.
    (Alexander Brener und Barbara Schurz)

    "week and week-end, the morning after the night, before the news and the soap, the unnormal holidays and the office party:
    all these provide new cycles which punctuate and veil the reality of linear time !"
    (Sadie Plant, Radical Gesture, the situationist International in a postmodern age p.27f.)

    Das Problem : FREI-ZEIT = WA(H)RE ZEIT

    Happening oder Performance als Überprüfung von Systemen mit dem eigenem Körper.
    "the act is to disturb that interpassiv thing" (Slavoj Zizek,aus einem Vortrag im Depot-Wien)

    Franz Kafka: Der Ausflug ins Gebirge

    "Ich weiß nicht", rief ich ohne Klang, "ich weiß ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses getan, niemand hat mir etwas Böses getan, niemand will mir helfen. Lauter niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur daß mir niemand hilft-, sonst wäre lauter Niemand hübsch. Ich würde ganz gerne-warum den nicht- einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemand aneinanderdrängen, diese vielen quergestreckten und eingehängten Arme, diese vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt ! Versteht sich, daß alle im Frack sind. Wir gehen so lala, der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Glieder offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, daß wir nicht singen."
    (Franz Kafka, Erzählungen, Fischer, Frankfurt 1994, p.27)

    Vergnügen ist anstrengend:

    In Alain Robbe-Grillets Roman Project pour une revolution a New York (1970) lesen wir: Mit Hilfe drei metaphorischer Handlungen - Vergewaltigung, Mord, Brandstiftung - befreien sich Schwarze, Bettler, Proletarier und Intellektuelle von den Ketten ihrer Versklavung und die Bourgeosie befreit sich von ihren sexuellen Komplexen. - Die Bourgeosie wird auch befreit? - Natürlich. Und ohne Massenopferungen.
    Das wichtigste Resultat der Revolution ist die Verbreitung einer Logik des Vergnügens in neuen, bisher unbekannten Sphären, die sich jenseits der existierenden sexuellen Komplexe der Bourgeosie befinden. Diese Bereiche existieren jedoch nicht nur innerhalb der Sexualität, sondern in allem Politischen. Diese Idee Robbe-Grillets würden wohl verschiedene Surrealisten, Bunuel und wahrscheinlich auch Godard unterschreiben.
    Godard sagt in Weekend: Der Horror der Bourgeosie kann nur durch realen Horror übertroffen werden. Was bedeutet realer Horror? Dies ist der Horror und das Vergnügen der Revolution im Hier und Jetzt, d. h. Horror und Vergnügen eines, die Grenzen konventioneller Geschehnisse, geregelter Räume, institutionellerer Zeit sowie die Grenzen des Realen und Virtuellen zerstörenden Ereignisses.
    Die Realität dieses Horrors und Vergnügens war den Marx Brothers wohl bekannt. In einem ihrer Filme nimmt ein Bettler, der wegen einer geklauten Brieftasche von der Polizei verfolgt wird in einem absolut riskanten Moment eine Passantin einfach bei der Hand, und beginnt mit ihr zu tanzen.
    Hier wird die Logik vorgefertigter, in der Gesellschaft anerkannter Vergnügen zerstört und macht einem realen konkreten Vergnügen platz, das situationspezifisch sowie vom Willen und Wollen des jeweiligen Subjekts abhängig ist. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein Transgressions-Vergnügen, sondern um den Zustand eines Körpers, der im Zeit-Raum die für ihn maximal angenehmste Pose eingenommen hat. Wir könnten uns so ein Vergnügen nur in Godards Weekend leisten.
    In Weekend wächst das Vergnügen mit dem Verlauf des Filmes. Im Film existiert erstens die Welt des Gegebenen, der Fakten. Dies ist die Auto-Reise des junges Paares Corinne und Roland von Paris in die Normandie. Weiteres gibt eine Bedeutungsebene; die Reise führt die die HeldInnen in ein anderes Gebiet, in eine Region der permanenten Katastrophen. Diese Katastrophen werden einerseits von den HeldInnen selbst produziert, auf Grund ihrer Unfähigkeit und ihrer Weigerung, die Grenzen ihrer bourgeosen Existenz, bestehend aus Banalitäten, Falschheit und Anfällen unkontrollierter Gewalt, zu überschreiten. Katastrophen werden andererseits auch von der Umgebung erzeugt, einem Kontext dummer Macht, Gewalt, egoistischer und egozentrischer Subjekte und verlorener rationaler Bedeutungen. So treten die Welt der Fakten und die Bedeutunsebene in eine Beziehung, der nur Negativität produziert.
    Das Road-movie verwandelt sich nicht in einen Prozeß, der das Bewußtsein und Leben der HeldInnen transformiert - wie es gewöhnlich im amerikanischen Road-movie der Fall ist - sondern in ein Szenario provozierter Mißerfolge, Diskontinuitäten, Spalten und Risse, Wahnsinn und pseudorevolutionären Fiebers. Der Film Godards parodiert die Vorstellung des Wegs, der Entwicklung, die mit dem Begriff des Tragischen verbunden sind. Weekend kehrt immer wieder zum Anfangspunkt zurück; trotz Zeit- und Ortveränderung, Vergehen der filmischen Zeit kommt es zu keiner Transformation des Bewußtseins. Corinne, die in der Schlußszene mit Appetit den Knochen ihres Mannes abnagt, ist immer noch die gleiche, um ihr Überleben kämpfende und daher zu allem bereite, kleine Corinne. Auf Grund der Umstände befindet sie sich eben nicht in ihrer bürgerlichen Pariser Wohnung, sondern in einer Gruppe kannibalistischer Revolutionäre (Seine - et - Oise Liberation Front). Darin besteht - nach Godard - die größte Katastrophe: Ungeachtet aller revolutionärer Deklarationen und kannibalistischer Kollapse formiert sich kein neuer Mensch, kommt es zu keiner Veränderung.
    Godards Weekend zeigt in radikal-pessimistischer Sicht die Unmöglichkeit von Revolution. Möglich jedoch ist das weekend, als unsinnige, fröhliche Katastrophe nach einer unsinnigen, nicht-fröhlichen Arbeitswoche.
    Sprechen wir jetzt über unser Projekt Weekend. Godards Film diente uns als Einleitung zu einem künstlerischen Projekt, dessen Basis allem Anschein nach Vergnügen ist. Was sonst motiviert eine Reise aus Wien in die Provinz, zur Realisierung eines unerzwungenen Symposiums/Projekts und dessen Repräsentation in diversen (Galerie)-Räumen. In diesem Projekt konnten/können die teilnehmenden KünstlerInnen selbst die Bedingungen und Spielregeln festlegen, Thema und Form seiner Realisierung auswählen - eine Form minimaler Institutionsgebundenheit, die wir jedoch keineswegs als ideal oder produktiv darstellen wollen - , das absolute Vergnügen!
    Wie bereits erwähnt ist Vergnügen anstrengend, schwer erreichbar und mit einem enormen Energieaufwand verbunden. Vergnügen braucht auch konkrete, durchdachte Spielregeln, die es dann produzieren. Es handelt sich um Technologien des Vergnügens, um Regeln, die wir innerhalb dieses Projektes festlegen.
    Es gibt verschiedenste Regeln. Tennis z. B. kann auch ohne Ball gespielt werden, wie in Antonionis Blow up. Ein gespensterhaftes, simulatives Spiel zombisierter Personen, clowns, die die Vorstellung über ihre Identität und Funktion vollkommen verloren haben. Einzig der Held des Filmes fühlt sich beim Versuch an diesem Spiel teilzunehmen wie im Totenreich.
    Wie jedoch den Ball ins Spiel zurückbringen, das Vergnügen rückführen? KünstlerInnen unterschiedlicher ästhetisch-politischer Haltung fahren gemeinsam - wie die HeldInnen Godards - auf ein weekend nach Kärnten, auf eine Almhütte und ins Schloß Damtschach, um ein Projekt mit dem Titel Weekend zu realisieren. Also fast alles wie bei Godard. Es bleibt jedoch herauszufinden, wie diese Reise endet; in einer großen Frustration, einem kleinlichen Kollaps, totaler Leere, einer banalen Ausstellung oder wirklichen Vergnügen. Vergnügensbedingungen in Zusammenhang mit diesem Projekt sind u. a. eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit, sowie ein gewisses Wissen voneinander und sich selbst.
    Wie jedoch den Ball ins Spiel zurückbringen, das Vergnügen rückführen? KünstlerInnen unterschiedlicher ästhetisch-politischer Haltung fahren gemeinsam - wie die HeldInnen Godards - auf ein weekend nach Kärnten, auf eine Almhütte und ins Schloß Damtschach, um ein Projekt mit dem Titel Weekend zu realisieren. Also fast alles wie bei Godard. Es bleibt jedoch herauszufinden, wie diese Reise endet; in einer großen Frustration, einem kleinlichen Kollaps, totaler Leere, einer banalen Ausstellung oder wirklichen Vergnügen. Vergnügensbedingungen in Zusammenhang mit diesem Projekt sind u. a. eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit, sowie ein gewisses Wissen voneinander und sich selbst.
    Aus all dem bisher gesagten scheint uns, daß sich dieses Projekt in zwei potentielle Richtungen entwickeln könnte. Einerseits handelt es sich um einen individuelle, künstlerische Dezentralisierung des Themas weekend. D. h. es geht nicht darum, gemeinsam an einer Konzeption von Vergnügen zu arbeiten, sonder jede/r KünstlerIn gibt seine/ihre Interpretation dieses Begriffs in einem gewählten Medium.
    Relevant ist natürlich das Miteinbeziehen der Ortsspezifität bei diesem Ansatz. Welche Bedeutung hat Ortsbezogenheit, wieso dieses Projekt in den Bergen, in der Einöde, Repräsentation einer Kette individualistischer Vergnügen in einem dezentralisierten, privaten Raum. Was für Bedeutung wird dabei produziert? Bei dieser Variante liegt der Fokus wiegesagt auf der Repräsentation der eigenen Arbeit .
    Der zweite mögliche Weg ist ein analytisches Symposium in den Bergen, das der Problematisierung/Diskussion des Themas Vergnügen dient. (Theorie dazu Freud, M. Klein, Foucault etc.) Form des Symposiums könnte ein Picknick sein. Ein Gemeinschaftsprojekt, eine Dokumentation (Foto, Film, Video, Katalog) das sogenannte Resultat.

    Alexander Brener, Barbara Schurz



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